INNOVATIONSPREIS KIRCHENMUSIK 2025

Preisverleihung 2025 auf der Frühjahrestagung der 28. Landessynode der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

Foto: Arbeitsstelle Kirchenmusik | evlks.de

LAUDATIO von LKMD Burkhard Rüger zur Preisverleihung

PRÄSENTATION: zur Preisverleihung

ZUM PROJEKT: Avo Pärt

VITA: Domkantor Albrecht Koch

Gespräch mit Domkantor Albrecht Koch für KLANGGUT 2025 zur ersten Preisvergabe des Innovationspreises Kirchenmusik

Das Gespräch führte LKMD Burkhard Rüger.


Lieber Herr Koch, Sie sind der erste Preisträger des Innovationspreises Kirchenmusik der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens. Dafür meinen herzlichen Glückwunsch! Sie hatten sich um den Preis mit einem Projekt, welches ein Musikwerk des 20. Jahrhunderts mit aktueller bildender Kunst verbindet, beworben. Worin sehen Sie das Innovative in Ihrem Projekt, das zukunftsweisend für die Kirchenmusik in unserer Landeskirche sein kann?

Es sind vielleicht die vielen Verbindungen zwischen Tradition und Gegenwart. Sowohl die Passionsmusiken als auch die Verhüllungen von Altären haben eine jahrhundertealte Tradition. Dazu kommt, dass wir als Lutheraner von Passionsmusiken sehr konkrete Vorstellungen haben, die vor allem durch Heinrich Schütz und dann natürlich Johann Sebastian Bach geprägt sind. Nun habe ich ein Projekt, das einerseits die Erwartungshaltungen bedient, andererseits sie aushebelt. Pärts Musik ist so weit weg von allem, was wir normalerweise mit Passionsvertonungen verbinden. Sie ist unemotional, gleichförmig und fließt nahezu meditativ dahin. Dazu kommt das faszinierende Fastentuch von Michael Morgner, acht mal fünf Meter groß. Es korrespondiert mit dem Raum des Freiberger Domes, als wäre es für diesen geschaffen. Und es tritt in einen Dialog mit der Musik, mit der Gleichförmigkeit, die zum genauen Beobachten einlädt. Die Kooperation mit der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 bringt uns zudem ein Publikum, das nicht aus liturgischem Interesse in die Passion kommt, sondern einzig das Kunsterlebnis sucht. Dieses wird dennoch nicht unberührt vom Heiligen Geist nach Hause gehen. Kurzum könnte man sagen: Wo wir Dinge in Zusammenhang bringen, die aus dem Alltag heraus betrachtet nicht zusammengehören, wo wir Traditionen aufnehmen, aber neu interpretieren, dort entsteht Innovatives.


Sie sind am Freiberger Dom mit einer über 800-jährigen Geschichte an einem traditionsreichen Ort tätig, der mit den beiden Silbermannorgeln über zwei herausragende historische Instrumente verfügt. Das verpflichtet doch eigentlich zur Tradition. Ist es mit solch einem Erbe nicht sehr schwer, neue innovative Akzente zu setzen?

Nein, ich empfinde es eher als etwas Befruchtendes. Nehmen wir Gottfried Silbermann: In seiner Zeit war er es, der die innovativen Akzente setzte. Das gilt ja auch für Johann Sebastian Bach. In der Gegenwart schaffen wir wenig Neues, führen oft aus dem Kanon der Meister vor uns auf. Nun muss man also entweder Neues schaffen oder das Alte neu beleuchten. Letzteres macht mir sehr viel Freude. So ein Raum wie der Dom ist dabei auch eine wunderbare Kulisse und Bühne. Er lebt aus seiner Geschichte und ist gleichzeitig Ort einer lebendigen und gegenwärtigen Kirchenmusik. Er lädt ein, die Musikgeschichte zu reflektieren, fordert aber auch zu neuen Perspektiven auf. Zum 800-jährigen Jubiläum der Goldenen Pforte wollen wir beispielsweise die Menschen in Liegestühle vor dieses fantastische, einem biblischen Bilderbuch gleichende Portal setzen und dazu musikalisch Clubatmosphäre schaffen. Sakrileg, sagen vielleicht manche. Ich sage: Wir holen die Menschen in ihrer Gegenwart ab und bringen sie in Verbindung mit etwas, das Hunderte von Jahren alt ist. Und sie nehmen das als so selbstverständlich an, dass es auch nachwirkt und nachhallt.


Unsere Gesellschaft befindet sich im schnellen Wandel. Digitalisierung und Globalisierung haben in kurzer Zeit neue gesellschaftliche Räume geschaffen. Es scheint der Eindruck zu entstehen, dass Spiritualität bei den Menschen immer weniger eine Rolle spielt. Wie kann Kirche, speziell Kirchenmusik, sich in der Gesellschaft verorten und relevant bleiben?

Ich finde, dass Spiritualität schon weiterhin gefragt ist, nur dass sie sich nun häufig aus unzähligen Versatzstücken aus aller Welt zusammenpuzzelt. Das hat jetzt aber weniger etwas mit der Kirchenmusik selbst zu tun. Diese ist in der Gegenwart – und damit schließt sie auch an die Kirchenmusik in der DDR an – ein ganz starker Verbundanker in die säkulare Gesellschaft. Das gilt sicherlich für das traditionelle Kulturpublikum, aber auch für jüngere Menschen außerhalb der klassischen Musik-Bubble. Die Schwelle ist niedrig, über die man gehen muss. Man kann in einer Kirche auch über die Schönheit eines Kirchenraumes staunen, ohne zu glauben oder ins Gebet zu gehen. Und viele Menschen nehmen dann etwas Positives mit, das sie vielleicht selbst gar nicht in Worten beschreiben können. Ich glaube, dass ein großer Teil unseres Publikums im Dom nicht kirchlich ist. Aber aus unseren Konzerten kann es emotionale Nahrung ziehen. Die ist dann vielleicht schon ganz nah an dem, was wir Spiritualität nennen.


Kirche in der Welt gestalten – Welt in der Kirche gestalten: Das sind zwei Thesen aus der Konzeption Kirchenmusik unserer Landeskirche. Weiter heißt es in der Konzeption: Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern wird empfohlen, geistlich-künstlerische Antworten auf gesellschaftlich relevante Fragen zu suchen und zeitgemäße musikalische Ausdrucksformen des Glaubens zu erproben. Was sind für Sie zeitgemäße musikalische Ausdrucksformen des Glaubens? Können diese die gesellschaftlich relevanten Fragen überhaupt beantworten?

Wir können über die Kirchenmusik keine gesellschaftlich relevanten Fragen beantworten. Aber wir können zumindest positive Diskursräume schaffen: Wenn wir miteinander singen, müssen wir aufeinander hören und miteinander in eine Richtung gehen. Das ist doch schon etwas, was in der Gegenwart nicht mehr selbstverständlich ist. Und dann ist mir total wichtig, dass wir zwar Kirche sind, aber eben in einer Welt stehen, die meint, Kirche immer weniger zu brauchen – und dennoch unser Wirken braucht. Die Chöre in unseren Gemeinden sind beispielsweise häufig das letzte kulturelle Lebenszeichen, das es in Dörfern weit ab der Zentren noch gibt. Oft höre ich zu Recht Klagen über die Bedingungen, über neue ungeliebte Strukturen, über mangelnden Nachwuchs. Hier sollten wir aber viel stolzer auf unser Wirken schauen, denn wir sind die, die das kulturelle Lagerfeuer am Brennen halten. Und wenn dann eben keine Kinder mehr ins Pfarrhaus kommen, dann sollten wir dorthin gehen, wo die Kinder sind. Wir müssen uns viel stärker auf die kirchenfernen Menschen ausrichten. Deren Bedürfnisse sind den unseren ähnlich – wir müssen sie nur abholen. Insofern: Kirche in die Welt tragen und damit die Welt zurück in die Kirche holen. Auf welche Art und Weise das dann geschieht – ob mit klassischer Kirchenmusik oder mit modernen Ausdrucksformen, ob mit Alten oder Jungen, Instrumenten oder Tanz – ist ganz gleich, wenn man sich nur mutig auf den Weg macht.

Lieber Herr Koch, vielen Dank für das Gespräch.

Hintergrund Innovationspreis Kirchenmusik

Die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens lobte 2024 erstmals einen Innovationspreis Kirchenmusik zur Förderung von innovativen Projekten aus. Ausgezeichnet werden innovative musikalische Projekte mit einer klar erkennbaren geistlichen Thematik und Ideen, welche geistlich künstlerische Antworten auf gesellschaftlich relevante Fragen geben und nach zeitgemäßen musikalischen Ausdrucksformen des Glaubens suchen. Dieser Preis war auf Grundlage der Konzeption Kirchenmusik durch die 28. Landessynode ins Leben gerufen worden. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Der Jury gehören neben dem Landeskirchenmusikdirektor, ein Theologe oder eine Theologin, eine Synodale oder ein Synodaler, ein Vertreter des Sächsischen Musikrates und Mitglieder der Konferenz für Kirchenmusik der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens an. Alle Mitglieder der Jury sind unter https://kirchenmusik-sachsen.de/innovationspreis-kirchenmusik/ zu finden.