Die Jury hat den Innovationspreises Kirchenmusik 2025 an Domkantor Albrecht Koch mit dem Projekt „Avo Pärt: Passio – Passionsmusik vor dem verhüllten Altar des Freiberger Doms“ vergeben.
Das mit dem Preis geförderte Konzertprojekt wird am 12. April 2025 im Freiberger Dom St. Marien aufgeführt. Zur Präsentation des Fastentuches des Chemnitzer Künstlers Michael Morgner im Dom kommt die zeitgenössische Johannespassion von Arvo Pärt zur Aufführung.
Preisverleihung 2025 auf der Frühjahrestagung der 28. Landessynode der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Domkantor Albrecht Koch und LKMD Burkhard RügerDanksagung Domkantor Albrecht KochFachbeauftragte -Domkantor-Landeskirchenmusikdirektor
Foto: Arbeitsstelle Kirchenmusik | evlks.de
LAUDATIO von LKMD Burkhard Rüger zur Preisverleihung
Sehr geehrte Frau Präsidentin, hohe Synode, liebe Gäste und Freundinnen und Freunde der Kirchenmusik,
es ist mir eine große Freude, heute die Laudatio für ein außergewöhnliches Projekt zu halten, das nicht nur musikalisch, sondern auch spirituell und liturgisch neue Wege geht. Außerdem freue ich mich, den Innovationspreis Kirchenmusik erstmals an dem Ort zu vergeben, wo er seinen Anfang genommen hat: Auf der Tagung der 28. Landessynode der Ev.-Luth. Landessynode, die die Konzeption Kirchenmusik Auf, Seele, Gott zu loben! auf den Weg gebracht und beschlossen und mit der Einrichtung Innovationspreis Kirchenmusik einen Teil der Konzeption umgesetzt hat.
Mit dem Innovationspreis Kirchenmusik 2025 ehrt die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens die Ev.-Luth. Domgemeinde Freiberg und Domkantor Albrecht Koch für das Projekt Passio – Passionsmusik von Arvo Pärt vor dem verhüllten Altar des Freiberger Doms, gestern um 17 Uhr dort durch den Freiberger Domchor unter Leitung von Albrecht Koch aufgeführt.
Dieses Projekt ist in mehrfacher Hinsicht ein starkes Zeichen. Es verbindet die musikalische Sprache eines der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit – Arvo Pärt, dessen Passio Domini nostri Jesu Christi secundum Joannem in schlichter Klarheit und spiritueller Tiefe erschüttert und berührt – mit der liturgischen Geste der Altarverhüllung, die in der Passionszeit einen besonderen Ausdruck des Verbergens und Wartens findet. Der von dem Chemnitzer Künstler Michael Morgner verhüllte Altar, das zentrale visuelle Element der Aufführung, macht das Unsichtbare spürbar. In einer Zeit, in der das Sichtbare dominiert, wird hier der Blick ins Offene, ins Geheimnisvolle gelenkt. Die liturgische Geste der Verhüllung wird zum Zeichen für das Ungesagte, das Unerklärbare des Leidens, des Glaubens, der Passion. Zusammen mit der Musik wird Klang zur Verkündigung, der Raum zur Predigt, das Verborgene zum Zeichen der Gegenwart Gottes im Verzicht.
PASSIO ist damit weit mehr als ein Konzert. Es ist ein Experiment mit liturgischem Raum und musikalischer Reduktion. Es ist ein mutiger Beitrag zur Frage: Wie kann Kirche heute inmitten einer sich wandelnden Gesellschaft Räume schaffen, die Menschen berühren? Dass dieses Projekt im Rahmen des purple path, einem der Hauptprojekte der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025, stattfindet, zeigt darüber hinaus, wie Kirchenmusik und zeitgenössische Kultur sich gegenseitig inspirieren können. Die Domgemeinde Freiberg nimmt damit nicht nur an dem kulturellen Großereignis Kulturhauptstadt teil, sondern prägt es aktiv mit – als geistlicher Ort, als Klangraum, als Impulsgeberin.
Noch eine Kooperation will ich erwähnen: Neben dem Freiberger Domchor wirkte das Dresdner Ensemble AuditivVokal, eines der innovativsten Ensembles zeitgenössischer Vokalmusik mit. So entstanden – ich zitiere aus der Projektbeschreibung – schwingende Dialog-Ketten: Zwischen singenden Profis und Laien, zwischen einem 500 Jahre alten Kirchenbau mit zeitgenössischer Kunst und Musik, zwischen einer Kirchengemeinde mit ihren liturgischen Gewohnheiten und Ritualen und dem internationalem Kunst- und Kulturpublikum samt seinen neugierigen Erwartungshaltungen in einer ihm unbekannten Region.
Der Innovationspreis Kirchenmusik würdigt mit dieser Auszeichnung nicht nur ein herausragendes Projekt, sondern auch eine Haltung: Die Haltung, Kirche auch als lebendigen Kulturraum zu denken. Die Haltung, alte Formen neu zu beleben. Die Haltung, mit Kirchenmusik Brücken zu schlagen – zwischen Generationen, Weltanschauungen, Menschen, ganz im Sinne der beiden Thesen der Konzeption Kirchenmusik Auf, Seele, Gott zu loben! unserer Landeskirche: Kirche in der Welt gestalten – Welt in der Kirche gestalten.
Herzlichen Glückwunsch der Domgemeinde Freiberg, herzlichen Glückwunsch Domkantor Albrecht Koch – und danke für dieses inspirierende Zeichen gelebter Kirchenmusik für die Zukunft.
Herzlichen Glückwunsch zum Innovationspreis Kirchenmusik 2025!
Dresden, am 13. April 2025 Burkhard Rüger, Landeskirchenmusikdirektor
Am 12. April 2025 musiziert der Freiberger Domchor gemeinsam mit AuditivVokal und Mitgliedern der Dresdner Kapellsolisten unter Leitung von Domkantor Albrecht Koch vor dem mit dem Fastentuch „Ecce Homo“ des Chemnitzer Künstlers Michael Morgner verhüllten Altar des Freiberger Domes eine der bedeutendsten Passionsvertonungen des 20. Jahrhunderts. Mit dem Fastentuch entstehen im Dom neue Sichtbeziehungen und Empfindungen, mit der Musik Arvo Pärts entsteht ein Miteinander, das tradierte Erfahrungen traditioneller Passionsaufführungen in neue Bahnen lenkt. Das Konzert ist ein Kooperationsprojekt mit der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz2025 im Rahmen des Kunstpfades Purple Path.
Der Chemnitzer Künstler Michael Morgner hat drei überdimensionale Fastentücher geschaffen. Erstmalig 2023 wurde im Rahmen der Intervention zur Passion der Kulturkirche2025 damit der Altar des Domes verdeckt. Die Kirchgemeinde am Dom setzte eigeninitiativ das Projekt 2024 fort. 2025 erfolgt nun die Präsentation des dritten Tuches, was erneut in der Kooperation mit dem Purple Path, einem der Hauptprojekte der Kulturhauptstadt Chemnitz2025 stattfindet.
Morgners Fastentücher sind Kunstwerke, die zu einem nahezu meditativen Betrachten innehalten: Die einzelnen Blätter sind in Morgners ganz eigener Technik mit dunkler Lackfarbe bedruckt – von fast unsichtbar dort, wo das Papier die mit Farbe bestrichene Druckplatte mit der Symbolform des aufrechten Menschen kaum berührt, nur gestreichelt hat, bis kräftig erdig braun dort, wo Farbe und Papier heftig in Berührung kamen. So oszilliert auch die menschliche Figur zwischen Auftauchen und Verschwinden. Zudem nehmen die Blätter die Knitter des Papiers wie Narben des Lebens auf. Anschließend hat der Künstler die Papiere so zusammengefügt, dass sich ein Farbverlauf vom Dunklen unten ins Helle nach oben ergibt – einer Auferstehung gleich, die den Menschen sowohl erinnernd für die Erde bewahrt wie auch in der Weite des Himmels aufgehen lässt. Die aneinandergereihten Bögen mit der Figur des rastenden Christus erfahren in immer neuen Druckvarianten neue Betrachtungs- und Bedeutungsfelder.
Traditionell erklingen im Dom jährlich die Passionsmusiken Johann Sebastian Bachs oder seiner Zeitgenossen. 2025 nun erfolgt erstmals eine Gegenüberstellung zeitgenössischer Kunst. Denn wer sich Arvo Pärts Johannespassion hörend nähert, muss alles hinter sich lassen, was er aus Bachs Passionen an Hörerfahrung mitbringt. Der Vertonung liegt der lateinische Text des Johannesevangeliums aus der Vulgata zugrunde. Es findet keinerlei Übertragung in eine Landessprache und auch keinerlei Interpolierung neuer, deutender Texte statt. Was sich vollzieht, ist so rituell und selbstverständlich wie die jährliche Passionslesung im Gottesdienst.
Pärts spirituelle Musik, die in 75 Minuten wie ein stiller Strom dahinfließt, wird so in einen unweigerlichen Dialog mit dem überdimensionalen Kunstwerk treten, das in den Bewegungen von Luft und in einer lebendigen Form über den Ausführenden vor dem Altar schwebt. Bild und Musik ergeben so eine miteinander verschmelzende Szene. Das Konzertprojekt bietet mehrfache Kooperationen: Einerseits musiziert der Freiberger Domchor gemeinsam mit dem Dresdner Ensemble AuditivVokal, einem der innovativsten Ensembles zeitgenössischer Vokalmusik. Andererseits ist die Veranstaltung ein Teil des offiziellen Eröffnungswochenendes des Purple Path der Kulturhauptstadt Chemnitz2025.
So entstehen schwingende Dialog-Ketten: Zwischen singenden Profis und Laien, zwischen einem 500 Jahre alten Kirchenbau mit zeitgenössischer Kunst und Musik, zwischen einer Kirchengemeinde mit ihren liturgischen Gewohnheiten und Ritualen und dem internationalem Kunst- und Kulturpublikum samt seinen neugierigen Erwartungshaltungen in einer ihm unbekannten Region.
Konzertbeginn 12.04.2025 | Freiberger Dom (Foto: M.Hergt)
VITA: Domkantor Albrecht Koch
Organist, Dirigent, Künstlerischer Leiter, kultureller Ideen- und Impulsgeber – Albrecht Koch ist eine herausragende Persönlichkeit der sächsischen Musik- und Kulturlandschaft. Er genießt nationales und internationales Renommee für sein musikalisches Wirken genauso für wie für sein vielseitiges kulturelles Engagement.
Nach ersten musikalischen Grundlagen beim Dresdner Kreuzchor und dem Studium an der Leipziger Musikhochschule wirkt der gebürtige Dresdner hauptamtlich als Domorganist und -kantor am Dom St. Marien in Freiberg/Sachsen, wo die berühmte historische Silbermann-Orgel von 1714 als barockes Meisterwerk jährlich tausende Besucher und Orgelfreunde anzieht. Am Freiberger Dom leitet er den Domchor und die Domkurrende und gründete die Domkinderchöre. Er gestaltet Orgelkonzerte, dirigiert Oratorien, Bachs Passionen und führte bereits in Vergessenheit geratene Werke der sächsischen Musikgeschichte wieder auf. Die zeitgenössische Musik ist ein weiterer Fokus seines Wirkens: Koch brachte bereits zahlreiche Auftragswerke für Orgel sowie Chor und Orchester zur Uraufführung. Als international gefragter Konzertorganist ist Albrecht Koch bei renommierten Festivals im In- und Ausland zu Gast.
Seit 2022 ist Albrecht Koch Präsident des Sächsischen Kultursenats. Er steht der Gottfried-Silbermann- Gesellschaft e.V. vor und ist Künstlerischer Leiter der renommierten Silbermann-Tage und Vorsitzender des Internationalen Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerbs. Die Konzertreihe an der historischen Silbermann-Orgel in Reinhardtsgrimma wird von ihm künstlerisch verantwortet und lädt jährlich junge Nachwuchstalente und renommierte Organisten ins Osterzgebirge ein. Darüber hinaus vertritt er die Stadt Freiberg in der Vereinigung European Cities of Historical Organs (ECHO). In diesem Rahmen entwickelte er das Konzept für das Junge Ohren Orgelfestival für Kinder und Jugendliche in den ECHO-Städten Freiberg und Altenburg maßgeblich mit. Für seine vielfältigen künstlerischen und gesellschaftlichen Verdienste wurde ihm im Jahr 2022 die Sächsische Verfassungsmedaille vom Freistaat Sachsen verliehen.
Albrecht Koch | Foto: Martin Förster
Gespräch mit Domkantor Albrecht Koch für KLANGGUT 2025 zur ersten Preisvergabe des Innovationspreises Kirchenmusik
Das Gespräch führte LKMD Burkhard Rüger.
Lieber Herr Koch,Sie sind der erste Preisträger des Innovationspreises Kirchenmusik der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens. Dafür meinen herzlichen Glückwunsch! Sie hatten sich um den Preis mit einem Projekt, welches ein Musikwerk des 20. Jahrhunderts mit aktueller bildender Kunst verbindet, beworben. Worin sehen Sie das Innovative in Ihrem Projekt, das zukunftsweisend für die Kirchenmusik in unserer Landeskirche sein kann?
Es sind vielleicht die vielen Verbindungen zwischen Tradition und Gegenwart. Sowohl die Passionsmusiken als auch die Verhüllungen von Altären haben eine jahrhundertealte Tradition. Dazu kommt, dass wir als Lutheraner von Passionsmusiken sehr konkrete Vorstellungen haben, die vor allem durch Heinrich Schütz und dann natürlich Johann Sebastian Bach geprägt sind. Nun habe ich ein Projekt, das einerseits die Erwartungshaltungen bedient, andererseits sie aushebelt. Pärts Musik ist so weit weg von allem, was wir normalerweise mit Passionsvertonungen verbinden. Sie ist unemotional, gleichförmig und fließt nahezu meditativ dahin. Dazu kommt das faszinierende Fastentuch von Michael Morgner, acht mal fünf Meter groß. Es korrespondiert mit dem Raum des Freiberger Domes, als wäre es für diesen geschaffen. Und es tritt in einen Dialog mit der Musik, mit der Gleichförmigkeit, die zum genauen Beobachten einlädt. Die Kooperation mit der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 bringt uns zudem ein Publikum, das nicht aus liturgischem Interesse in die Passion kommt, sondern einzig das Kunsterlebnis sucht. Dieses wird dennoch nicht unberührt vom Heiligen Geist nach Hause gehen. Kurzum könnte man sagen: Wo wir Dinge in Zusammenhang bringen, die aus dem Alltag heraus betrachtet nicht zusammengehören, wo wir Traditionen aufnehmen, aber neu interpretieren, dort entsteht Innovatives.
Sie sind am Freiberger Dom mit einer über 800-jährigen Geschichte an einem traditionsreichen Ort tätig, der mit den beiden Silbermannorgeln über zwei herausragende historische Instrumente verfügt. Das verpflichtet doch eigentlich zur Tradition. Ist es mit solch einem Erbe nicht sehr schwer, neue innovative Akzente zu setzen?
Nein, ich empfinde es eher als etwas Befruchtendes. Nehmen wir Gottfried Silbermann: In seiner Zeit war er es, der die innovativen Akzente setzte. Das gilt ja auch für Johann Sebastian Bach. In der Gegenwart schaffen wir wenig Neues, führen oft aus dem Kanon der Meister vor uns auf. Nun muss man also entweder Neues schaffen oder das Alte neu beleuchten. Letzteres macht mir sehr viel Freude. So ein Raum wie der Dom ist dabei auch eine wunderbare Kulisse und Bühne. Er lebt aus seiner Geschichte und ist gleichzeitig Ort einer lebendigen und gegenwärtigen Kirchenmusik. Er lädt ein, die Musikgeschichte zu reflektieren, fordert aber auch zu neuen Perspektiven auf. Zum 800-jährigen Jubiläum der Goldenen Pforte wollen wir beispielsweise die Menschen in Liegestühle vor dieses fantastische, einem biblischen Bilderbuch gleichende Portal setzen und dazu musikalisch Clubatmosphäre schaffen. Sakrileg, sagen vielleicht manche. Ich sage: Wir holen die Menschen in ihrer Gegenwart ab und bringen sie in Verbindung mit etwas, das Hunderte von Jahren alt ist. Und sie nehmen das als so selbstverständlich an, dass es auch nachwirkt und nachhallt.
Unsere Gesellschaft befindet sich im schnellen Wandel. Digitalisierung und Globalisierung haben in kurzer Zeit neue gesellschaftliche Räume geschaffen. Es scheint der Eindruck zu entstehen, dass Spiritualität bei den Menschen immer weniger eine Rolle spielt. Wie kann Kirche, speziell Kirchenmusik, sich in der Gesellschaft verorten und relevant bleiben?
Ich finde, dass Spiritualität schon weiterhin gefragt ist, nur dass sie sich nun häufig aus unzähligen Versatzstücken aus aller Welt zusammenpuzzelt. Das hat jetzt aber weniger etwas mit der Kirchenmusik selbst zu tun. Diese ist in der Gegenwart – und damit schließt sie auch an die Kirchenmusik in der DDR an – ein ganz starker Verbundanker in die säkulare Gesellschaft. Das gilt sicherlich für das traditionelle Kulturpublikum, aber auch für jüngere Menschen außerhalb der klassischen Musik-Bubble. Die Schwelle ist niedrig, über die man gehen muss. Man kann in einer Kirche auch über die Schönheit eines Kirchenraumes staunen, ohne zu glauben oder ins Gebet zu gehen. Und viele Menschen nehmen dann etwas Positives mit, das sie vielleicht selbst gar nicht in Worten beschreiben können. Ich glaube, dass ein großer Teil unseres Publikums im Dom nicht kirchlich ist. Aber aus unseren Konzerten kann es emotionale Nahrung ziehen. Die ist dann vielleicht schon ganz nah an dem, was wir Spiritualität nennen.
Kirche in der Welt gestalten – Welt in der Kirche gestalten: Das sind zwei Thesen aus der Konzeption Kirchenmusik unserer Landeskirche. Weiter heißt es in der Konzeption: Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern wird empfohlen, geistlich-künstlerische Antworten auf gesellschaftlich relevante Fragen zu suchen und zeitgemäße musikalische Ausdrucksformen des Glaubens zu erproben. Was sind für Sie zeitgemäße musikalische Ausdrucksformen des Glaubens? Können diese die gesellschaftlich relevanten Fragen überhaupt beantworten?
Wir können über die Kirchenmusik keine gesellschaftlich relevanten Fragen beantworten. Aber wir können zumindest positive Diskursräume schaffen: Wenn wir miteinander singen, müssen wir aufeinander hören und miteinander in eine Richtung gehen. Das ist doch schon etwas, was in der Gegenwart nicht mehr selbstverständlich ist. Und dann ist mir total wichtig, dass wir zwar Kirche sind, aber eben in einer Welt stehen, die meint, Kirche immer weniger zu brauchen – und dennoch unser Wirken braucht. Die Chöre in unseren Gemeinden sind beispielsweise häufig das letzte kulturelle Lebenszeichen, das es in Dörfern weit ab der Zentren noch gibt. Oft höre ich zu Recht Klagen über die Bedingungen, über neue ungeliebte Strukturen, über mangelnden Nachwuchs. Hier sollten wir aber viel stolzer auf unser Wirken schauen, denn wir sind die, die das kulturelle Lagerfeuer am Brennen halten. Und wenn dann eben keine Kinder mehr ins Pfarrhaus kommen, dann sollten wir dorthin gehen, wo die Kinder sind. Wir müssen uns viel stärker auf die kirchenfernen Menschen ausrichten. Deren Bedürfnisse sind den unseren ähnlich – wir müssen sie nur abholen. Insofern: Kirche in die Welt tragen und damit die Welt zurück in die Kirche holen. Auf welche Art und Weise das dann geschieht – ob mit klassischer Kirchenmusik oder mit modernen Ausdrucksformen, ob mit Alten oder Jungen, Instrumenten oder Tanz – ist ganz gleich, wenn man sich nur mutig auf den Weg macht.
Lieber Herr Koch, vielen Dank für das Gespräch.
Hintergrund Innovationspreis Kirchenmusik
Die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens lobte 2024 erstmals einen Innovationspreis Kirchenmusik zur Förderung von innovativen Projekten aus. Ausgezeichnet werden innovative musikalische Projekte mit einer klar erkennbaren geistlichen Thematik und Ideen, welche geistlich künstlerische Antworten auf gesellschaftlich relevante Fragen geben und nach zeitgemäßen musikalischen Ausdrucksformen des Glaubens suchen. Dieser Preis war auf Grundlage der Konzeption Kirchenmusik durch die 28. Landessynode ins Leben gerufen worden. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.
Der Jury gehören neben dem Landeskirchenmusikdirektor, ein Theologe oder eine Theologin, eine Synodale oder ein Synodaler, ein Vertreter des Sächsischen Musikrates und Mitglieder der Konferenz für Kirchenmusik der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens an. Alle Mitglieder der Jury sind unter https://kirchenmusik-sachsen.de/innovationspreis-kirchenmusik/ zu finden.